Verkehrsopferhilfe: Für Geschädigte im Falle der Fahrerflucht oder von nicht versicherten Unfallgegnern

Stell Dir vor, Du hältst vorschriftsgemäß an der roten Ampel, nur der Fahrer hinter Dir ist dank seines Handys so stark abgelenkt, dass er ungebremst auffährt. Die Airbags lösen aus, Du steigst mit schmerzendem Nacken aus dem Wagen und siehst, dass der andere Fahrer die Schrecksekunden für einen Blitzstart in die Fahrerflucht genutzt hat. Auch in den Tagen danach findet sich von ihm keine Spur, aber dafür ist Dein Auto stark beschädigt und Du fällst wegen einem Schleudertrauma auf Arbeit aus. Wer kommt jetzt für all das auf? Für solche und ähnliche Geschehnisse existiert in Deutschland ein gesetzlicher Entschädigungsfonds, der als eingetragener Verein organisiert ist – die Verkehrsopferhilfe.

Was ist die Verkehrsopferhilfe?

Leider sind Situationen wie das oben beschriebene Beispiel keine Seltenheit im Straßenverkehr. Obwohl theoretisch eine Versicherungspflicht für alle Fahrzeughalter besteht und die Gesetzeslage zum Verhalten beim Verursachen von Unfällen eindeutig ist, gibt es immer wieder Geschädigte, die von Fahrerflucht oder nicht versicherten Unfallgegnern betroffen sind. Glücklicherweise ist damit aber noch nicht besiegelt, dass diese unverschuldet auf den Kosten der persönlichen und materiellen Schäden sitzen bleiben.

Denn was viele häufig gar nicht wissen, ist, dass es in Deutschland eine Instanz gibt, die in solchen Situationen unter gewissen Voraussetzungen für die Entschädigung des Unfallopfers aufkommt. Gemeint ist die Verkehrsopferhilfe, die als eingetragener Verein aus dem 1955 gegründeten Fahrerfluchtfonds entstand.

Die Verkehrsopferhilfe ist ein Garantiefonds, der als nationale Entschädigungsstelle funktioniert. Die Mitglieder des Vereins sind alle Versicherungsunternehmen, die Kfz-Versicherungen in Deutschland als Erstversicherer betreiben. Das heißt, jeder Autofahrer, der über eine Haftpflicht-Versicherung verfügt, zahlt mit seinen Versicherungsbeiträgen automatisch auch in diesen Entschädigungsfonds ein.

Sollte es einmal zu einem Unfall kommen, bei dem Du den Verursacher nicht für seine Leistungspflicht belangen kannst, so reguliert die Verkehrsopferhilfe diese Lücke. Das gilt seit 2003 sogar auch für Unfälle im Ausland. Die genaue gesetzliche Regelung ist in den Paragraphen 12 bis 14 im Pflichtversicherungsgesetz (PflVersG) festgehalten.

Voraussetzungen:

Die grundsätzliche Voraussetzung für ein Tätigwerden der Verkehrsopferhilfe ist, dass der Geschädigte nach einem Unfall keinerlei Möglichkeit hat, den Verursacher für den Schaden zu belangen. Die Verkehrsopferhilfe übernimmt dann die sogenannte subsidiäre Haftung für nicht vorhandene oder nicht beanspruchbare Versicherungsleistungen. Das ist zum Beispiel gegeben, wenn:

  • der Verursacher des Unfalls Fahrerflucht begeht und so nicht über sein Fahrzeug ermittelt werden kann;
  • der Verursacher des Unfalls nicht versichert ist und seine Leistungspflicht nicht erfüllen kann;
  • der Verursacher des Unfalls den Sachschaden mit Vorsatz herbeigeführt hat und somit seine Haftpflichtversicherung keine Regulierung übernimmt;
  • der Verursacher des Unfalls eine Haftpflichtversicherung hat, die insolvent ist;
  • der Verursacher des Unfalls insolvent ist und Leistungsansprüchen nicht nachkommen kann.

Bedingungen

Weitere Bedingungen für eine Genehmigung Deiner Ansprüche bei der Verkehrsopferhilfe sind:

  • Der Geschädigte darf für den Unfall von keiner anderen Instanz finanzielle Hilfe zur Entschädigung erhalten. Dazu zählen beispielsweise Krankenversicherungen, der Arbeitgeber, Versicherungsbehörden und Sozialversicherungsträger.
  • Der Unfall muss in einem öffentlichen Bereich passiert sein. Auf Privatgrundstücken entstandene Schäden werden von der Verkehrsopferhilfe nicht abgedeckt.
  • Der Schaden muss durch ein Kraftfahrzeug, also durch ein Auto (auch mit Anhänger), Motorrad oder LKW verursacht worden sein. Fahrräder, Rollstuhlfahrer, Rollerfahrer, Inlineskater und Fußgänger werden als Verursacher von Schäden nicht einbezogen.

Ablauf

Bist Du bei einem Unfall geschädigt worden, der die oben genannten Voraussetzungen und Bedingungen erfüllt, so kannst Du Dich mit Deinem Fall über ein Formular an die Verkehrsopferhilfe wenden. Das muss innerhalb von drei Jahren nach dem Unfall geschehen, ansonsten verjährt Dein Anspruch.

Der Verein prüft zunächst, ob Dein Antrag die Anforderungen erfüllt und übernimmt den Fall nicht direkt, sondern gibt ihn im Auftrag weiter. Die eigentliche Bearbeitung übernehmen entweder eine Kfz-Haftpflichtversicherung aus dem Mitgliederbereich oder bevollmächtigte Schadensregulierungsbüros.

Da die Thematik meist sehr komplex ist, kannst Du für diesen Prozess auf die Unterstützung eines spezialisierten Anwalts zurückgreifen. Die Anwaltskosten werden von der Verkehrsopferhilfe, so wie bei einem üblichen Haftpflichtfall auch, übernommen.

Wie hoch ist die Entschädigung durch die Verkehrsopferhilfe?

Wird die Entschädigung durch die Verkehrsopferhilfe genehmigt, so beläuft sich die Zahlung für Personen- und Sachschäden auf die gesetzliche Mindestdeckungssumme. Werden bei einem Vorfall Personen verletzt oder gar getötet, so kann sich diese Summe bei mehreren beteiligten Personen auf bis zu 7,5 Millionen Euro belaufen. Bei Sachschäden liegt die Höchstgrenze bei einer Million Euro.

Bei schwerwiegenden Fällen kann sogar ein Schmerzensgeld beantragt werden. Hierzu gibt es allerdings keine gesetzliche Regulierung und die Beträge fallen zumeist niedriger aus als üblich.

Etwas schwierig wird es mit der finanziellen Hilfe bei Fällen der Fahrerflucht. Hier versucht die Verkehrsopferhilfe, eine übermäßige oder gar missbräuchliche Inanspruchnahme des Vereins zu vermeiden. Aus diesem Grund werden Sachschäden als Folge von Fahrerflucht nur erstattet, wenn gleichzeitig auch ein nennenswerter Personenschaden entstanden ist.

Die letztendliche Zahlung wird von den Mitgliedern des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) übernommen und setzt sich entsprechend der Marktanteile und Beitragseinnahmen der einzelnen Versicherungen zusammen.

Wie beantrage ich Unterstützung von der Verkehrsopferhilfe?

Du kannst Deine Ansprüche formlos oder über das Schadenmeldeformular auf der Homepage der Verkehrsopferhilfe geltend machen.

Wichtige Informationen für das Formular sind:

  • Ob der Unfall sich im In- oder Ausland ereignet hat;
  • Der Grund für die Inanspruchnahme der Verkehrsopferhilfe;
  • Die Daten des Geschädigten;
  • Die Daten des Unfallverursachers (sofern vorhanden);
  • Allgemeine Angaben über den Unfall wie Tag, Zeit und Ort;
  • Eine Beschreibung des Unfallhergangs;
  • Eine Erläuterung der Unfallfolgen.

Zusätzlich kannst Du Dokumente wie beispielsweise den Unfallbericht oder Fotos vom Fahrzeug des Schädigers einreichen.

Bei Fragen kannst Du Dich auch direkt an die Verkehrsopferhilfe wenden:

Verkehrsopferhilfe e.V.

Wilhelmstr. 43 / 43 G
10117 Berlin
Telefon (030) 20 20 5858
Telefax (030) 20 20 5722
voh@verkehrsopferhilfe.de

Fazit

Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.

Dieses als „Murphys Gesetz“ und nach dem amerikanischen Ingenieur Edward A. Murphy benannte Gesetz tritt ein, wenn es sprichwörtlich knüppeldick kommt.

Ein Unfall ist an sich schon schlimm genug. Ergibt es sich jedoch, dass Du den Unfallverursacher nicht belangen kannst, so scheint die Katastrophe beinahe perfekt. Allerdings nur beinahe: Denn glücklicherweise existiert mit der Verkehrsopferhilfe eine Instanz in der Bundesrepublik Deutschland, die Dir weiterhelfen wird.

Solltest Du jemals in solch eine Situation geraten, denke daran, dass es die Verkehrsopferhilfe gibt.

Wir wünschen Dir eine sichere Fahrt!